Kirche St. Crucis - Entstehungsgeschichte


Aus einer Bauinschrift an der Nordwand der Kirche geht der 7. September 1392 als Tag der Grundsteinlegung für dieses Gotteshaus hervor. Damit ist diese Kirche das älteste Bauwerk der Stadt Sondershausen.

Nach alter Überlieferung soll ein als Wunder empfundenes Ereignis den Anlass zum Bau gegeben haben. Danach hütete einst ein Schäfer Namens Kirchberg am Frauenberg, einer markanten Erhebung westlich der Stadt, seine Schafe. Als er im Begriffe war, sich aus einem Busch einen Stock herauszuschlagen, bemerkte er an diesem ein grünes Kreuzchen. Dennoch hieb er ihn nach kurzem Zögern ab, der daraufhin sofort zu bluten begann. Die Geistlichkeit, der er sein Erlebnis gemeldet hatte, sah darin ein Wunder und ordnete an, das Kreuz in Gold zu fassen und ihm zu Ehren ein Gotteshaus zu erbauen – die Kirche zum Heiligen Kreuz „St. Crucis“.

Diese schöne Legende sollte nicht den Blick auf die realen Gründe zur Erbauung dieser Kirche versperren, die in den gesellschaftlichen und stadtgeschichtlichen Verhältnissen jener Zeit begründet liegen. Sondershausen hatte um 1300 von den Hohensteiner Grafen das Stadtrecht erhalten. 1356 gingen Stadt und Herrschaft Sondershausen in den Besitz der Scharzburger über, die die Stadt zu einer ihrer Hauptresidenzen erkoren. Mit dieser Entwicklung gingen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zwei Stadterweiterungen einher, in deren Ergebnis die westlich der Altstadt gelegene Oberstadt und die östlich davon angrenzende Unter- oder Neustadt entstanden. Die für beide neuen Stadtteile notwendigen kirchlichen Einrichtungen entstanden mit Kapelle und Hospiz Maria Magdalena für die kleinere Oberstadt und mit der Kirche St. Crucis nebst Hospital für die Neustadt.

Diese Interessen der Stadt am Bau dieser Einrichtungen bündelten sich mit denen der „Obrigkeit“, der weltlichen und geistlichen Herrschaft. Der Ruf der alleinseligmachenden katholischen Kirche war zu jener Zeit durch zunehmenden Machtmissbrauch, durch Geldgier und Prunksucht sowie den moralischen Verfall all ihrer Institutionen und Repräsentanten vom Papst bis zu den regionalen Würdenträgern so erschüttert, dass sich das Volk zunehmend kritisch zur Kirche stellte, sich teilweise von ihr abwandte und sein Seelenheil in alternativen antikirchlichen Protestbewegungen suchte. Als Beispiel seien hier die besonders im Kyffhäuserraum in Erscheinung getretenen Geißler, auch Flagellanten genannt, erwähnt. Die Anhänger dieser religiösen Bruderschaft glaubten, durch Geißelung ihres sündhaften Körpers ihr Seelenheil zu erlangen. Nicht nur die Kirche, sondern auch die Landesherren, zu jener Zeit der Graf Günther XXIX. von Schwarzburg (reg. 1368-1416), sahen durch die damit einhergehenden Unruhen ihre Macht gefährdet. Das daraus resultierende gemeinsame Interesse, die Menschen wieder von der „Straße“ in den Schoß der Kirche zurückzuführen, mündete u. a. in dem Bau der Kirche St. Crucis, deren Anziehungskraft erheblich dadurch verstärkt wurde, dass sie mit dem Wunderkreuz einen Kultgegenstand besaß, an dem sich Gottes Wirken, so glaubte man, unvermittelt offenbart hatte.



Bau- und Nutzungsgeschichte


Die Bau- und Nutzungsgeschichte der Kirche St. Crucis ist eng verbunden mit dem ihr ursprünglich angeschlossenen Hospiz und Waisenhaus sowie dem 1885/1907 baulich erweiterten fürstlichen Lehrerseminar. Bereits seit der Erbauung der Kirche im Jahre 1392 war das angrenzende Hospiz diesem Gotteshaus zugeordnet. Als Hospizkirche betreute sie alte Menschen, die hier Unterkunft, Verpflegung und kirchlichen Beistand erhielten.

Bereits 1463 wurden Kirche und Hospiz Opfer eines Stadtbrandes. Auf Betreiben des Schwarzburger Grafen Heinrich XXVI. (reg 1444-1488) erfolgte der Wiederaufbau. Papst Pius II. (1405-1464) gewährte am 12. November 1463 einen zehnjährigen Ablass für diejenigen, die für ihren Wiederaufbau und ihre Unterhaltung spendeten sowie sie regelmäßig besuchten.

Bei der Plünderung von Burg und Kirchen der Stadt durch die aufständischen Bauern im Frühjahr 1525 gingen auch in der Cruciskirche Einrichtungs- und Sakralgegenstände verloren, darunter auch das vergoldete Kreuz.

Nachdem das Hospiz und die Kapelle Maria Magdalena in der Oberstadt im Gefolge der Reformation aufgegeben wurden, initiierte das Grafenpaar Johann Günther (1532-1586) und Anna (1539-1579) von Schwarzburg-Sondershausen einen Neubau des Hospizes an gleicher Stelle. Als Baumeister fungierte der Amtsschösser Bernhard Speiser, der sich bereits beim Bau des gräflichen Residenzschlosses Sondershausen unter Günther XL. (reg. 1525-1552) Verdienste erworben hatte. In dieser Zeit des ausgehenden 16. Jahrhunderts scheint die Kirche ein bevorzugter Begräbnisplatz für gräfliche Funktionsträger und ihre Familien gewesen zu sein. So sollen hier beispielsweise der besagte Bernhard Speiser, der Kanzler Apollo Wiegand sowie Familienangehörige des Kanzlers Lappe bestattet sein.

Beim großen Stadtbrand von 1621 wurde St. Crucis stark beschädigt. Eine Bauinschrift über dem Westportal belegt, dass sie bereits „1623“ wieder in Nutzung ging. Da sich der Wiederaufbau der Stadt- und Hofkirche St. Trinitatis durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges und seiner Nachwirkungen bis zum Jahre 1691 hinzögerte, fungierte St. Crucis während dieser Zeit als Hauptkirche der Stadt. Der gräfliche Hof nutzte die zwischen 1645 und 1647 im Schloss neu eingerichtete große Schlosskapelle. Nach 1691 verlor die Cruciskirche zunehmend an Bedeutung.

1729/30 ließ Günther I. von Schwarburg-Sondershausen, ein Fürst von bemerkenswerter Weltläufigkeit und Gelehrsamkeit, ganz im Sinne seines Selbstverständnisses als „Landesvater“, ein großes, dreigeschossiges neues Waisenhaus anstelle des alten Hospizes errichten. Nach dessen Auflösung 1798 wurde das Gebäude bis 1860 teils als Zuchthaus, teils als Besserungsanstalt sowie zu gewerblichen Zwecken genutzt. Zahlreiche bauliche Eingriffe an der benachbarten Kirche trugen dieser Nutzungsänderung Rechnung.

 

Mit dem Einzug des fürstlichen Lehrerseminars 1861 gingen 1885/86 umfangreiche Sanierungsarbeiten am gesamten Gebäudekomplex sowie 1895/1907 der Neubau eines sich nordöstlich an den Turm der Kirche anlehnenden Schulgebäudes für das Lehrerseminar einher. Nach dieser Instandsetzung fanden wieder regelmäßig Gottesdienste statt, zumal auch die katholische Kirchgemeinde der Stadt bis zum Bau der eigenen Kirche St. Elisabeth im Jahre 1908 St. Crucis für ihre Gottesdienste nutzte.

Mit Beginn der dreißiger Jahre wurden die Gottesdienste eingestellt und die inzwischen der Stadt unterstellte Kirche als Lagerhalle genutzt. Mit dem Abriss des inzwischen maroden Daches und der Turmhaube 1973 sowie dem Einsturz der Reste des Chordaches 1990 vermittelte St. Crucis fortan den Eindruck einer mittelalterlichen Ruine. Erst nach der Wende erfolgte die Sicherung der Mauerkronen des Kirchenschiffes und deren Abdeckung mit Ziegeln sowie das Aufsetzen eines Notdaches auf den Turmstumpf.

Engagierte Sondershäuser konnten sich mit diesem Zustand nicht abfinden und gründeten 2001 den Förderverein Cruciskirche Sondershausen e. V.. Mit der Zielstellung der Sanierung der alten Bausubstanz und der Errichtung einer Bürgerbegegnungsstätte wird St. Crucis im neuen Gewand den Planplatz wieder als architektonische Dominante prägen.


10. Dezember 2005

Dr. Manfred Ohl